Das Cabinet des Dr. Caligari

Frühes Horror-Meisterwerk

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Mindfuck-Level: Anfänger

1911 prägte Herwarth Walden den Begriff des Expressionismus. Damit wird im heutigen Sprachgebrauch eine Stilrichtung der Kunst bezeichnet, die nicht auf die Vermittlung von realistischen Eindrücken abzielt, sondern das subjektive Erleben des Künstlers abbildet. Dabei beschränkt sich der Expressionismus nicht nur auf die Malerei, er ist auch zum Beispiel im Film von Bedeutung – besonders im deutschen Film der 1920er-Jahre. Robert Wiene schuf mit Das Cabinet des Dr. Caligari einen prägenden Film des expressionistischen Kinos, der auch mit Elementen des Mindfuck aufwartet. Kein Wunder, denn auch im Mindfuck spielt subjektives Erleben oft eine Rolle.

Morde im Schlaf?

Zwei Männer sitzen auf einer Bank und unterhalten sich über mysteriöse Begebenheiten. Einer der beiden, Francis (Friedrich Fehér), erzählt eine Geschichte, die ihm und seiner Verlobten widerfahren ist.
In der Kleinstadt Holstenwall ist Jahrmarkt. Einer der Aussteller ist der geheimnisvolle Dr. Caligari (Werner Krauss), dessen Attraktion der Schlafwandler Cesare (Conrad Veidt) ist. Auch Francis und sein Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski) besuchen den Jahrmarkt, wo sich Alan von Cesare die Zukunft vorhersagen lässt. Cesare prophezeit, dass Alan nur noch bis zum Sonnenaufgang zu leben hat. Auf dem Rückweg treffen Francis und Alan auf die hübsche Jane (Lil Dagover) und sind sofort hingerissen. Sie beschließen, dass Jane sich entscheiden soll, wem sie ihr Herz schenkt. Auf ihre Freundschaft soll das keinen Einfluss haben. Am nächsten Morgen ist Alan tot. Er ist bereits das zweite Mordopfer seit der Jahrmarkt in der Stadt ist. Francis erinnert sich an die Prophezeiung und verdächtigt Caligari und Cesare. Doch zunächst wird ein Landstreicher festgenommen, der abstreitet, etwas mit der Mordserie zu tun zu haben.

In der Anstalt – Das Ende von Das Cabinet des Dr. Caligari

Die Auflösung von Das Cabinet des Dr. Caligari

In der nächsten Nacht steht Cesare mit einem Messer in Janes Zimmer. Er bringt es nicht über sich, sie zu töten. Stattdessen startet er einen Entführungsversuch, der aber scheitert. Als Francis mit der Polizei vor Caligaris Tür steht, flüchtet der Doktor. Francis folgt ihm bis zu einer Irrenanstalt, wo Caligari der Direktor zu sein scheint. In seinem Büro findet sich eine Abhandlung über einen historischen Dr. Caligari, der sich einen Schlafwandler gefügig machte und ihn Morde begehen ließ. Der Direktor der Irrenanstalt eifert diesem Caligari nach und hat dessen Namen angenommen. Als die Polizei den toten Cesare findet, wird dieser zu Caligari gebracht. Dieser verliert daraufhin die Nerven und entlarvt sich dadurch selbst. Er wird Patient in seiner eigenen Anstalt.
So endet die Geschichte von Francis, doch es stellt sich heraus, dass er selbst Patient in der Anstalt ist. Auch die wichtigsten Figuren aus seiner Geschichte sind dort: “Cesare” wirkt harmlos und kindlich, “Jane” hält sich für eine Königin und “Caligari” ist der ehrenwerte Direktor der Anstalt. Francis Erzählung ist ein Produkt seiner Geisteskrankheit. Da der Direktor nun die Natur von Francis’ Wahn begriffen hat, ist er auch zuversichtlich, seinen Patienten heilen zu können.

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Eine Geschichte erzählen – Der Mindfuck von Das Cabinet des Dr. Caligari

Analyse des Mindfuck von Das Cabinet des Dr. Caligari

Der Ursprung des Mindfuck von Das Cabinet des Dr. Caligari ist vergleichsweise simpel: Francis erzählt zwar eine Geschichte, die er selbst für die wahr hält, doch in Wirklichkeit stimmt sie nicht und ist nur das Produkt seines Wahnsinns. Im engen Sinne handelt es sich nicht um eine Lüge, weil Francis nicht weiß, dass er nicht die Wahrheit sagt. Trotzdem werden seine und vergleichbare Erzählungen oft als lügende Rückblenden bezeichnet.
Lügende Rückblenden verstoßen gegen eine grundlegende Konvention des Kinos. Figuren können grundsätzlich lügen und sie können durch ihre Erzählungen oder Erinnerungen auch die Urheber von Rückblenden sein. Allerdings ist es üblich, dass Rückblenden die Wahrheit zeigen oder dass sofort klar zu erkennen ist, wenn sie die Unwahrheit abbilden. Das ist besonders bei langen Rückblenden der Fall, da man hier als Zuschauer leicht vergisst, dass es sich überhaupt um eine Rückblende und damit die subjektive Perspektive einer Figur handelt.
In der Filmwissenschaft wird teilweise die Theorie vertreten, dass die Auflösung von Das Cabinet des Dr. Caligari nachträglich eingeführt wurde, um ein subversives Ende zu vermeiden. In der ursprünglichen Version sollte angeblich der Anstaltsleiter wirklich als Caligari entlarvt werden. Doch ein solcher Angriff auf Autoritäten wäre im obrigkeitshörigen Deutschland der 1920er-Jahre nicht akzeptabel gewesen. Diese Entstehungsgeschichte des Endes ist jedoch nicht zweifelsfrei belegt.

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Fazit

Das Cabinet des Dr. Caligari weist zwei entscheidende Stärken auf: den für die Zeit innovativen Mindfuck und die expressionistischen Kulissen, die der Handlung eine beklemmende Atmosphäre verleihen. Wie in den meisten Stummfilmen schreitet die Handlung nach heutigen Maßstäben eher langsam voran und die Schauspieler wirken in Gestik und Mimik – ebenfalls nach heutigen Maßstäben – übertrieben. Doch das ändert nichts daran, dass Das Cabinet des Dr. Caligari auch heute noch ein guter Film ist und gerade Freunden des Stummfilms uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Weiterführende Links

Das Cabinet des Dr. Caligari bei www.imdb.com
Das Cabinet des Dr. Caligari bei www.rottentomatoes.com

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