Enemy

Spinner und Spinnen (?)

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[Anzahl der Stimmen: 22 Durchschnitt: 3.2]

Mindfuck-Level: Profi

Mindfuck bedeutet immer, das Publikum zum Denken anzuregen und es intellektuell herauszufordern. Gerade im Mainstream-Kino geht diese Herausforderung selten über den Film hinaus – der Film stellt ein Rätsel und löst es am Ende auf. Dass das Independent-Kino oft radikaler vorgehen kann, zeigt Enemy von Denis Villeneuve. Hier verweigert der Film klare Antworten und wirkt dadurch nach dem Anschauen noch lange nach. Enemy basiert auf dem Roman Der Doppelgänger von José Saramago.

Ich und ich – Der Doppelgänger

Das freudlose Leben des Geschichtsdozenten Adam Bell (Jake Gyllenhaal) gerät aus den Fugen, als er in dem Film Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg einen Nebendarsteller sieht, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Der Schauspieler heißt mit bürgerlichem Namen Anthony Claire (ebenfalls Jake Gyllenhaal) und blockt zunächst die Kontaktaufnahme ab. Schließlich stimmt er doch noch einem Treffen zu und plötzlich ist es Claire, der immer wieder den Kontakt zu Bell sucht. Bell selbst ist zunehmend beunruhigt – spätestens als er feststellt, dass die Ähnlichkeit der beiden nicht nur oberflächlich ist, sondern sich auch auf eine Narbe am Bauch erstreckt.

Enemy: Anthony bedrängt Adam
Quelle: © capelight pictures, DVD: Enemy

Frauentausch? – Das Ende von Enemy

Schließlich bedrängt Anthony den zunehmend entsetzten Adam. Anthony möchte für einen Tag in Adams Leben schlüpfen und diesen Tag mit Adams Freundin Mary (Mélanie Laurent) verbringen.

Die Auflösung von Enemy

Adam stimmt zu und während Anthony tatsächlich mit Mary unterwegs ist, schleicht Adam sich zu Anthonys schwangerer Frau Helen (Sarah Gadon) und verbringt die Nacht mit ihr.

Anthony und Mary geraten in Streit, als Mary feststellt, dass Anthony normalerweise einen Ehering trägt, den sie bei Adam nie gesehen hat. Der Streit verursacht einen schweren Autounfall der beiden. Adam findet am nächsten Morgen in Anthonys Post einen Schlüssel, der wahrscheinlich für den Besuch eines Nachtclubs gedacht ist. Er ist gerade dabei, eine Helen eine Ausrede zu erzählen, um den Club besuchen zu können. Da bemerkt er, dass Helen, die sich im Nebenzimmer befindet, nicht antwortet. Er betritt das Zimmer, in dem er Helen vermutet, und findet dort eine menschengroße Spinne vor. Helen ist hingegen nicht im Raum.

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Deutungsversuche – Der Mindfuck von Enemy

Enemy macht es dem Publikum nicht leicht und liefert keine abschließende Auflösung oder einfache Deutung. Das Doppelgänger-Motiv und die Frage, wie zwei Menschen einander so gleichen können, sorgt schon während des Anschauens für ordentlichen Mindfuck. Doch vor allem das Ende von Enemy liefert neue Fragen und zahlreiche Interpretationsansätze. Hier soll ein vielversprechender Ansatz vorgestellt werden, doch es ist durchaus denkbar, dass es eben nicht möglich ist, alle durch den Film aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

Mögliche Deutung von Enemy

Regisseur Denis Villeneuve hat den Film als eine Reise ins Unterbewusste eines Mannes beschrieben, der Probleme mit Intimität hat. Aussagen von Regisseuren sind zwar mit Vorsicht zu genießen und können auch mal in die Irre führen, doch hier liefert Villeneuve tatsächlich einen interessanten Ansatz. Aus seiner Aussage lässt sich ableiten, dass Adam und Anthony keine Doppelgänger voneinander sind, sondern die gleiche Person. Verschiedene Fakten des Films scheinen das zu belegen:

  • Anthony war seiner Frau anscheinend untreu und möchte auch eine Affäre mit Mary haben. Adams Mutter wirft ihm vor, dass er nicht bei einer Frau bleiben kann.
  • Adam besitzt ein zerrissenes Foto von sich. Später ist in Anthonys Wohnung eine intakte Version des Fotos zu sehen. Es zeigt Adam/Anthony und Helen. Man kann das Foto auch als Hinweis verstehen, dass Enemy nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt ist.
  • Anthony isst gerne Heidelbeeren und fragt Helen, ob sie welche besorgt hat. Als Adam behauptet, er möge keine Heidelbeeren, widerspricht seine Mutter ihm entschieden.
  • Adam kauft sich eine Sonnenbrille. Später ist in Anthonys Wohnung eine ähnliche (die gleiche?) Sonnenbrille zu sehen, obwohl Adam noch nie dort war.
  • Anthony und Adam haben anscheinend den gleichen Traum von einer Frau mit Spinnenkopf.
  • Adam behauptet gegenüber dem Portier von Anthonys Schauspieleragentur, dass er etwas abholen möchte. Tatsächlich wurde etwas für Anthony hinterlegt.

Das Spinnen-Motiv, welches sich durch den gesamten Film zieht, ist als Symbol für Anthonys/Adams Bindungsangst zu verstehen. Daher sieht er Helen in dem Moment als gefährliche Spinne, in dem er mal wieder vor der Wahl steht, einen Nachtclub zu besuchen oder sich zu Helen und dem gemeinsamen Kind zu bekennen. Eine sehr ausführliche Variation dieser Deutung liefert www.shoton35.com.

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Fazit

Jake Gyllenhaal liefert in Enemy eine starke Leistung ab und der Film schafft durch seine Optik und den Soundtrack eine beklemmende Atmosphäre, in der vordergründig wenig passiert. Trotzdem fesselt das zentrale Mysterium des Films und man sucht überall nach Ansatzpunkten für eine Deutung. Durch das Ausbleiben einer offensichtlichen schlüssigen Erklärung entwickelt der Film eine besondere Sogkraft, die weit über sein verstörendes Ende hinaus ihre Wirkung entfaltet. Die über den Film verstreuten Details und Andeutungen motivieren zum wiederholten Anschauen – am besten mit Standbild- und Vergrößerungsfunktion. Damit ist der Film insbesondere Mindfuck-Fortgeschrittenen ans Herz gelegt. Anfänger könnten abgeschreckt werden, denn der Film gibt seinen Zuschauern kaum offene Verständnishilfen an die Hand.

Weiterführende Links

Enemy bei www.imdb.com
Enemy bei www.rottentomatoes.com

Bildnachweis: Alle Bilder auf dieser Seite © capelight pictures. Die Verwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

2 comments on “EnemyAdd yours →

  1. Der Film ist tatsächlich nur was für Profis. Ich bin damals völlig verwirrt aus dem Kino gewankt und hatte nur eine Frage im Kopf: “Was soll die Spinne da?”. Glücklicherweise gab es da schon eine plausible Erklärung auf Youtube. Ich habe dann nochmal den Film und die Romanvorlage im Rahmen einer Hausarbeit über Doppelgänger gesichtet/gelesen und ich habe den Eindruck, der Film wird mit jedem Mal besser (und welcher Film kann das schon von sich behaupten).

    1. Wäre gut, wenn der Film beim erneuten Anschauen noch besser wird. Ich muss in 2 Wochen einen Vortrag über Enemy halten, also sehe ich ihn mir in nächster Zeit wohl öfters an. 😉

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