Memento

Innovatives Mindfuck-Pflichtprogramm

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[Anzahl der Stimmen: 35 Durchschnitt: 3.5]

Mindfuck-Level: Profi

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Memento von Christopher Nolan in erster Linie der Film, der “rückwärts erzählt”, und damit ein Musterbeispiel für Mindfuck. So simuliert der Film das Erleben der Hauptfigur Leonard (Guy Pearce), der nach einem Raubüberfall an anterograder Amnesie leidet, also keine neuen Erinnerungen bilden kann.
Tatsächlich rückwärts erzählt der Film dabei eigentlich gar nicht. Abgesehen von der Eröffnungssequenz läuft jede einzelne Szene wie gewohnt vorwärts ab. Dabei sind die Szenen zwei Handlungsebenen zuzuweisen. Die eine, in farbigen Bildern erzählte Handlungsebene beginnt am Ende des Films und zeigt alle Szenen in umgekehrter Reihenfolge. Die Bilder der anderen Handlungsebene sind in Schwarz-Weiß gehalten und sind in normaler zeitlicher Reihenfolge angeordnet.
Szenen aus beiden Handlungsebenen wechseln sich ab, so dass sich der Film aus beiden Richtungen der Mitte der Handlungskette nähert. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte Memento Mori von Jonathan Nolan, dem Bruder des Regisseurs.

Auf der Suche nach John G.

Leonard ist auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau, die bei dem gleichen Raubüberfall getötet wurde, bei dem Leonard seine Kopfverletzungen davontrug. Da er keine neuen Erinnerungen bilden kann, hat er die wichtigsten Informationen durch Tätowierungen und Polaroid-Fotos organisiert.
In den schwarz-weißen Szenen erfahren wir mehr über Leonards Zustand, den er am Beispiel von Sammy Jankis (Stephen Tobolowsky) illustriert. Sammy war Leonards Klient, als Leonard noch für eine Versicherung gearbeitet hat. Leonard hat Sammys eigene anterograde Amnesie untersucht und ihn schließlich als Simulant abgestempelt. Daraufhin beschloss Sammys Frau einen Test. Sie ließ sich von Sammy immer wieder Insulin spritzen und starb schließlich an einer Überdosis, da Sammy durch seine Erkrankung immer wieder vergaß, dass er seiner Frau bereits Insulin injiziert hatte.

Die in Farbe gehaltenen Szenen beginnen damit, dass Leonard den zwielichtigen Teddy (Joe Pantoliano) erschießt. Ihn hat er als John G., den Mörder seiner Frau, identifiziert. Die folgenden Sequenzen zeigen, wie Leonard zu diesem Schluss kam. Dabei ist jedoch selten alles, wie es scheint. Immer wieder stellt sich heraus, dass Leonard von Teddy oder Natalie (Carrie-Anne Moss) ausgenutzt wird.

Memento: Leonard und seine Aufzeichnungen
Quelle: EuroVideo Medien GmbH, DVD: Memento

“Glaub seinen Lügen nicht.” Aber wessen?

Dies bereitet den Plot Twist von Memento vor.

Das Ende von Memento

In der abschließenden Szene wird deutlich, dass Teddy nicht John G. ist. Er und Leonard streifen bereits seit einiger Zeit durchs Land und töten Verbrecher, die Leonard für den Mörder seiner Frau hält. Teddy nutzt diese Morde zu seinem Vorteil und setzt Leonard auf das nächste Opfer an, sobald dieser seine vermeintlich erfolgreiche Rache vergessen hat. Das letzte Opfer der beiden ist Natalies Freund.
Dadurch wird auch klar, warum Natalie schließlich Leonard benutzt, um Teddy zu töten. Eine weitere Enthüllung ist jedoch noch viel weitreichender: Teddy behauptet, es hätte nie einen Raubüberfall gegeben. Die Geschichte von Sammy Jankis ist in Wirklichkeit Leonards eigene Geschichte. Um den Tod seiner Frau zu verarbeiten, hat Leonard sich die Geschichte des Raubüberfalls ausgedacht. Dies will Leonard nicht glauben und beschließt, Teddy als nächstes Opfer auszuwählen. Er macht sich eine entsprechende Notiz.

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“Buy Film.” Der Mindfuck von Memento

Alleine die komplexe Erzählweise von Memento reicht schon aus, um den Film als Mindfuck einzusortieren. Um auch nur eine ungefähre Vorstellung von der komplexen Handlung zu bekommen, ist höchst aufmerksames Zuschauen notwendig. Doch auch der abschließende Plot Twist ist durch seine vordergründige Uneindeutigkeit durchaus beachtlich.

Analyse der Auflösung von Memento

Teddys Enthüllung wird von kurzen Rückblenden begleitet. Zunächst sieht man dort, wie Leonard seiner Frau in den Oberschenkel kneift. Diese Erinnerung war im Verlauf des Films bereits häufiger zu sehen. Als Teddy mit seiner Erzählung fortfährt, wird diese Rückblende durch eine andere ersetzt. Hier verabreicht Leonard seiner Frau eine Spritze in den Oberschenkel.

Das würde bedeuten, dass Teddys Geschichte stimmt, doch die letzte Rückblende zeigt wieder, dass Leonard seine Frau kneift.
Normalerweise tendiert man bei widersprüchlichen Informationen innerhalb eines Films dazu, der zuletzt gezeigten Information den Vorzug zu geben. Auch hier muss dies zumindest in Erwägung gezogen werden. Der endgültige Beweis, dass Teddys Erzählung der Wahrheit entspricht, findet sich bereits in der ursprünglichen Sammy-Jankis-Geschichte. Diese endet damit, dass Sammy in einem Pflegeheim landet. Die letzte Einstellung zeigt ihn im Rollstuhl sitzend. Nachdem eine Krankenschwester zwischen Sammy und der Kamera vorbeigegangen ist, sitzt plötzlich Leonard selbst in dem Rollstuhl. Die Szene endet Sekundenbruchteile später, so dass dieses Detail mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist. Erst in der verlangsamten Wiederholung auf DVD ist Leonard zweifelsfrei zu erkennen. Nicht umsonst findet sich auf Leonards Körper unter anderem die Erinnerung “Buy film.”, die der Zuschauer auch auf sich beziehen kann.

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Fazit

Memento gehört zu den wichtigsten und besten Mindfuck-Filmen aller Zeiten. Die innovative Erzählweise fordert den Zuschauer heraus und ist bestens auf den Plot Twist abgestimmt. Wer dies nicht glaubt, kann in der DVD-Version von Memento die Szenen des Films auch in chronologischer Reihenfolge abspielen. Dadurch ist Memento wesentlich leichter zu verstehen, doch der Plot Twist ist in der Mitte des Films platziert und der zeitliche Abstand zwischen falscher und richtiger Information ist sehr klein. Entsprechend verliert der Plot Twist einiges von seiner Wucht. Also: schaut Euch Memento unbedingt an, aber verzichtet auf die chronologische Neuordnung. Nur so kann der Mindfuck richtig wirken.

Weiterführende Links

Memento bei www.imdb.com
Memento bei www.rottentomatoes.com

Bildnachweis: Bilder mit freundlicher Genehmigung der EuroVideo Medien GmbH

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