Letztes Jahr in Marienbad

Meisterwerk oder Langweiler?

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Mindfuck-Level: Experte

Im Normalfall ist Film ein erzählendes Medium. Der Zuschauer geht ins Kino (oder legt eine DVD ein), um eine Geschichte erzählt zu bekommen. Dies ist aber nicht die einzige Art, einen Film zu betrachten. Basierend auf der Bewegung des Nouveau Roman, der das Gleiche für das literarische Erzählen versuchte, beschäftigte sich das französische Kino der 1960er-Jahre auch mit Filmen, die sich den traditionellen Regeln des Erzählens verweigern. Der vielleicht bekannteste dieser Filme ist Letztes Jahr in Marienbad (Originaltitel: L’année dernière à Marienbad) von Alain Resnais. Das Drehbuch schrieb mit Alain Robbe-Grillet eine der Schlüsselfiguren des Nouveau Roman.

Alte Bekannte?

In einem alten Hotel trifft sich eine Abendgesellschaft. Man schaut ein Theaterstück und pflegt Smalltalk. Ein Mann (Giorgio Albertazzi) ist davon überzeugt, dass er seine Gesprächspartnerin (Delphine Seyrig) bereits vor einem Jahr in Friedrichsbad getroffen hat. Dort habe er mit ihr über eine Statue im Park eines Schlosses gesprochen. Die Frau kann sich nicht erinnern und ist überhaupt noch nie in Friedrichsbad gewesen. Doch der Mann bleibt hartnäckig. Es könne auch in Marienbad oder anderswo gewesen sein, der genaue Ort spiele ohnehin keine Rolle. Er erzählt von weiteren gemeinsamen Erlebnissen.

Gemeinsame Zukunft? – Das Ende von Letztes Jahr in Marienbad

Die "Auflösung" von Letztes Jahr in Marienbad

Obwohl die Frau es leugnet, scheint sie sich zumindest an ein paar Dinge zu erinnern. Der Mann erzählt von einem Rivalen (Sacha Pitoëff) – ihr Ehemann? – mit dem er um die Liebe der Frau konkurriert. Schließlich habe die Frau um ein Jahr Bedenkzeit gebeten. Dieses Jahr sei nun um und der Mann möchte mit ihr gemeinsam fortgehen. Die Frau zögert zwar, doch sogar ihr vermeintlicher Ehemann gibt sie frei. Also verlassen der Mann und die Frau tatsächlich zusammen das Hotel.

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Was passiert da überhaupt? – Der Mindfuck von Letztes Jahr in Marienbad

Analyse des Mindfuck von Letztes Jahr in Marienbad

Letztes Jahr in Marienbad folgt den Prinzipien des Nouveau Roman und damit steht die Konstruktion einer logischen und zusammenhängenden Geschichte nicht im Vordergrund. Bevor überhaupt das zentrale, namenlose Paar in den Mittelpunkt gestellt wird, vergeht bereits eine Viertelstunde, die von Dialogbruchstücken und einer geheimnisvollen Erzählerstimme dominiert wird. Auch anschließend genügt die dürftige Handlung um die mögliche gemeinsame Vergangenheit des Paares kaum, um einen roten Faden zu generieren. Im Gegenteil: Häufig sind Schnitte und Ortswechsel so gesetzt, dass kaum entscheidbar ist, was Gegenwart ist und was Vergangenheit oder gar Phantasie. Viele Szenen gehen scheinbar fließend ineinander über.
Das Bedürfnis nach definitiven Antworten – und damit nach einer definitiven Auflösung des Films – hat Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet zurückgewiesen. Die einzige Zeit des Films sei die Gegenwart, die einzig wichtige Person der Zuschauer.

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Fazit

Es ist ziemlich unfair, Letztes Jahr in Marienbad nach den Maßstäben des Erzählkinos zu beurteilen, wenn der Film doch offensichtlich kein Erzählkino sein will. Optisch und akustisch bekommt der Zuschauer auch Einiges geboten. Gerade der verstörende Ton ergänzt sich gut mit den distanzierten Bildern und der sterilen Atmosphäre. Wer sich an derartigen Dingen erfreuen kann, darf Letztes Jahr in Marienbad eine Chance geben. Das dürfte aber nur sehr wenige sein, der Rest wird sich einfach nur langweilen.

Weiterführende Links

Letztes Jahr in Marienbad bei www.imdb.com
Letztes Jahr in Marienbad bei www.rottentomatoes.com

Bildnachweis: Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Studiocanal Home Entertainment

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